• 12. Juni 2017

Hans-Ulrich Jörges, stern-Chefredaktion

„Leitkultur ist nichts ewig Germanisches, sondern unterliegt dem Kultur- und Wertewandel!“

Hans-Ulrich Jörges, stern-Chefredaktion

150 150 Sven Lilienström

Leitkultur ist nichts ewig Germanisches, sondern unterliegt dem Kultur- und Wertewandel!

Hans-Ulrich Jörges ist Mitglied der stern-Chefredaktion. Für das Heft schreibt er die wöchentliche Kolumne „Zwischenruf“ – online spricht er „Klartext“. Die britische Financial Times zählte ihn im Jahr 2006 zu den einflussreichsten Kommentatoren der Welt. Sven Lilienström, Gründer der Initiative Gesichter der Demokratie, sprach mit Hans-Ulrich Jörges über Demokratie, Rudeljournalismus und Leitkultur.

Hans-Ulrich Jörges, Mitglied der stern-Chefredaktion ©Hans-Ulrich Jörges

Herr Jörges, welchen Stellenwert haben Demokratie und demokratische Werte für Sie ganz persönlich?

Hans-Ulrich Jörges: Ganz existenziell betrachtet: Als politischer Journalist habe ich mein ganzes Leben lang von Demokratie gelebt, von nichts anderem. Und jenseits des Berufs: Wahltage sind für mich Feiertage – es gibt bloß zu wenige davon. Wie gerne würde ich hin und wieder auch an bundesweiten Volksentscheiden teilnehmen!

Unsere Demokratie ist längst noch nicht voll entwickelt.

Oder an offenen Vorwahlen von Spitzenkandidaten der Parteien – zugänglich auch für Nichtmitglieder. Unsere Demokratie ist längst noch nicht voll entwickelt.

Unabhängige Medien und Berichterstatter stehen weltweit unter zunehmendem Druck. Hierzulande steigt die Zahl von Anfeindungen und Drohungen gegenüber Journalisten. Wie „frei“ ist die Presse in Deutschland noch?

Jörges: Die Presse in Deutschland ist wirklich frei. Man muss sich diese Freiheit nur nehmen! Daran aber mangelt es zu oft.

Sie bezeichnen die mangelnde Meinungsvielfalt der Medien als „Rudeljournalismus“ und kritisieren, dass viele Journalisten gleichgerichtet schreiben und kommentieren. Worin liegt die Ursache für den medialen Konformismus von heute und was muss sich Ihrer Meinung nach ändern?

Jörges: Nach dem Ende des Kalten Kriegs haben sich auch die medialen Lager aufgelöst.

Die Online-Medien zu Meinungsführern geworden, was eine irrwitzige Beschleunigung zur Folge hatte.

Das war gut so, aber traurige Begleiterscheinung ist ein Verlust an Meinungsvielfalt. Außerdem sind die Online-Medien zu Meinungsführern geworden, was eine irrwitzige Beschleunigung zur Folge hatte. Das Rudel drängt sich in der Hast immer enger zusammen. Was tun die anderen, wie tun sie es? Das machen wir auch so… Konformismus, Opportunismus und Alarmismus sind die aktuellen Krankheiten des Berufs. Schon bei der Ausbildung der Journalisten müssten selbstständiges Denken und Haltung an erster Stelle stehen, vor allen handwerklichen Künsten.

Eine „reißerische Überschrift“ scheint mittlerweile auszureichen, um hohe Klickraten zu generieren und kontroverse Endlos-Diskussionen in den sozialen Netzwerken loszutreten Inwiefern hat sich der digitale Journalismus seit der Jahrtausendwende verändert?

Jörges: Es geht nur noch um Klicks, um Geschwindigkeit und rasanten Themenwechsel. Ex und hopp!

In diesem Dreieck der Oberflächlichkeit verändern sich Gesellschaft und Politik.

Um User zu ködern und zu halten, wird immer mehr mit den Methoden des Boulevards gearbeitet: Emotionalisierung, Skandalisierung und Personalisierung. In diesem Dreieck der Oberflächlichkeit verändern sich Gesellschaft und Politik.

Bundesjustizminister Heiko Maas fordert Bußgelder in Millionenhöhe, falls soziale Netzwerke eindeutig strafbare Kommentare nicht innerhalb von 24 Stunden löschen. Kritiker befürchten eine Privatisierung der Rechtsdurchsetzung. Wie ist Ihre Meinung diesbezüglich?

Jörges: Hass, Gewalt und Lüge müssen mit aller Macht in den sozialen Netzwerken zurückgedrängt werden. Ganz eliminieren lassen sie sich vermutlich nicht. Aber wir müssen alles versuchen, damit die Gesellschaft nicht vollends vergiftet wird von Cyberkriegern und Rassisten. Heiko Maas hat Recht, aber seine Bußgelder werden nicht reichen. Wir müssen über eine global gültige ethische Ordnung des Netzes diskutieren.

Thomas de Maizière hat erst vor Kurzem einen Zehn-Punkte-Katalog zur deutschen Leitkultur vorgelegt. Lässt sich der Begriff „Leitkultur“ überhaupt mit unserer freiheitlich-pluralistischen Gesellschaft vereinbaren oder ist das Ganze nur Wahlkampf-Geplänkel?

Jörges: De Maizières Katalog war eine oberflächliche Verballhornung des Gedankens einer Leitkultur, alleine für Wahlkampfzwecke gefertigt, um vergrätzte Konservative zurück zu holen zur Union. Leitkultur hat nichts mit Burka-Fantasien und Händeschütteln zu tun, sondern nur mit Werten und Haltungen.

Leitkultur ist nichts ewig Germanisches, sondern unterliegt dem Kultur- und Wertewandel.

Und vor allem: Die Migranten und ihre Kinder, die längst zu Deutschen geworden sind – etwa jeder Fünfte -, haben mitzureden bei der Klärung der Frage, was uns heute verbindet. Und künftig verbinden soll. Denn Leitkultur ist nichts ewig Germanisches, sondern unterliegt dem Kultur- und Wertewandel.

Herr Jörges, ab dem 1. Juli 2017 ist das Homeoffice Ihr neuer Arbeitsplatz. Welche Marotten Ihrer Kolleginnen und Kollegen werden Sie nach 15 Jahren beim stern am meisten vermissen?

Jörges: Beim einen dies, beim anderen das. Der eine wird beim Schreiben zum Derwisch, der andere zum Schlafsack. Liebenswert waren und sind sie alle, aber auch noch in scharf reduzierter Dosis vergnüglich.

Vielen Dank für das Interview Herr Jörges!

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