• 9. Januar 2024

Ron Prosor, Botschafter des Staates Israel in Deutschland

„Die Feinde unserer offenen Gesellschaften dürfen nicht entscheiden, wie wir miteinander leben!“

Ron Prosor, Botschafter des Staates Israel in Deutschland

Ron Prosor, Botschafter des Staates Israel in Deutschland 150 150 Sven Lilienström

„Die Feinde unserer offenen Gesellschaften dürfen nicht entscheiden, wie wir miteinander leben!“

Ron Prosor ist seit August 2022 Botschafter des Staates Israel in Deutschland. Im Interview mit Sven Lilienström, Gründer der Initiative Gesichter der Demokratie, spricht der 65-jährige Diplomat über Demokratie, das Massaker vom 7. Oktober 2023 und Antisemitismus als gesamtgesellschaftliches Problem in Deutschland.

Ron Prosor, Botschafter des Staates Israel in Deutschland | © Israelische Botschaft

Ron Prosor, Botschafter des Staates Israel in Deutschland | © Israelische Botschaft

Herr Botschafter, vielen Dank, dass Sie trotz dieser unruhigen Zeit für ein Interview zur Verfügung stehen. Unsere erste Frage: Welchen Stellenwert haben Demokratie und demokratische Werte für Sie ganz persönlich?

Ron Prosor: Die Frage ist etwas seltsam für mich, weil ich in einem demokratischen Land aufgewachsen bin. Ich bin stolz darauf, dass sich die Israelis hinter der Flagge versammeln und sich so sehr mit ihrem Staat identifizieren.

Soldaten haben ihre Kletterschuhe in den Anden stehen lassen und ihre Joints am Strand von Goa weggeworfen, um sich auf den Weg nach Hause zu machen!

Nachdem wir angegriffen wurden, hat El Al Sonderflüge organisiert, um Soldaten schnell nach Hause zu bringen – und was soll ich Ihnen sagen: die Flugzeuge waren voll! Soldaten haben ihre Kletterschuhe in den Anden stehen lassen und ihre Joints am Strand von Goa weggeworfen, um sich auf den Weg nach Hause zu machen. Alle wussten: was jetzt zählt, ist die Befreiung der Geiseln und die Zerstörung von Hamas.

Zuletzt kam es in Israel zunehmend zu Protesten – unter anderem gegen die umstrittene Justizreform. Wie stabil sind die demokratischen Strukturen in Israel? Ist die letzte Demokratie in Nahost in Gefahr?

Ron Prosor: Israel ist die einzige Demokratie – das ist ein feiner Unterschied. Wir haben vor 75 Jahren unsere Unabhängigkeit erklärt und sind seitdem eine Republik mit einer pluralistischen und diversen Gesellschaft.

Natürlich streiten wir uns auch miteinander und verursachen uns damit gegenseitig Herzinfarkte – das ist unsere Natur.

Mehr als 20 Prozent unserer Einwohner sind zum Beispiel Araber, die Ihnen im ganzen Land begegnen: als Richter am Obersten Gerichtshof, als Abgeordnete in der Knesset, als Ärzte in Krankenhäusern…. Natürlich streiten wir uns auch miteinander und verursachen uns damit gegenseitig Herzinfarkte – das ist unsere Natur. Fragen stellen, andere Wege gehen, kritisch sein – das ist der Dünger für Innovation. Nur so konnte Israel in dieser an Rohstoffen armen Region ein florierender Wirtschaftsstandort werden.

Worauf es ankommt ist doch letztendlich, dass wir in Krisenzeiten zusammenstehen; und genau das tun wir auch. Seit dem 7. Oktober arbeiten und kämpfen wir Seite an Seite, um uns unsere Werte und unseren Way of Life zu bewahren.

Judenfeindlichkeit ist auch außerhalb des rechten Spektrums kein Randphänomen. Hat Deutschland ein Problem mit Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft? Ist Deutschland ein sicheres Land für Jüdinnen und Juden?

Ron Prosor: Fakt ist: Für viele Jüdinnen und Juden ist die Sorge um ihre Sicherheit ein ständiger Begleiter.

Es ist egal ist, ob ein Molotowcocktail von einem Linksradikalen, einem Rechtsradikalen oder einem Menschen mit Migrationshintergrund auf den jüdischen Kindergarten geworfen wird. Das Ergebnis ist gleich: es brennt!

Fakt ist auch, dass es egal ist, ob ein Molotowcocktail von einem Linksradikalen, einem Rechtsradikalen oder einem Menschen mit Migrationshintergrund auf den jüdischen Kindergarten geworfen wird. Das Ergebnis ist gleich: es brennt.

Antisemitismus ist aber beileibe nicht allein das Problem der Juden in Deutschland – oder das des israelischen Botschafters. Antisemitismus ist das Problem der deutschen Gesellschaft insgesamt.

Die Feinde unserer offenen Gesellschaften dürfen nicht entscheiden, wie wir miteinander leben.

Zu viele in migrantischen Communities haben in ihren bisherigen Leben überhaupt keine Erfahrung mit der Demokratie sammeln können. Das ist eine explosive Mischung und die Deutschen müssen aufpassen. Wenn sie weiter in einer offenen Gesellschaft leben wollen, müssen sie anfangen, für ihre Werte zu kämpfen. Die Feinde unserer offenen Gesellschaften dürfen nicht entscheiden, wie wir miteinander leben.

Nach dem schrecklichen Anschlag haben auch die Islamverbände in Deutschland Stellung bezogen. Zu zögerlich, so die vielfach geäußerte Kritik. Hätten Sie sich eine eindeutigere und schnellere Reaktion gewünscht?

Ron Prosor: Wenn 1.200 Menschen abgeschlachtet, Babys verbrannt und Frauen vergewaltigt werden, bis ihnen die Knochen brechen, ist das ein Massaker. Das muss so benannt und verurteilt werden. Das ist auch eine Bewährungsprobe für einen Rechtsstaat – es reicht nicht, dass nur die politische Führung das verurteilt hat, die Zivilgesellschaft muss sich auch positionieren. Das gilt erst recht für Verbände.

Solche Verbände sind keine Freunde der Demokratie und auch keine Ansprechpartner für die Zukunft!

Die Rolle der Islamverbände ist beschämend. Schauen Sie sich nur an, wie wenige von ihnen die Massaker des 7. Oktober verurteilt haben. Das lässt tief blicken. Der Wertekompass ist doch falsch eingenordet, wenn es jemand nicht schafft, ein Massaker auch als solches zu verurteilen. Solche Verbände sind keine Freunde der Demokratie und auch keine Ansprechpartner für die Zukunft.

Hubert Aiwanger hat die Flugblatt-Affäre augenscheinlich unbeschadet überstanden. Mehr noch: Er bleibt im Amt, seine Partei, die Freien Wähler, profitieren. Was macht so etwas mit den Jüdinnen und Juden, die hier leben?

Ron Prosor: Das wurde in Deutschland ausgiebig diskutiert, und das ist auch richtig so. Die Leute müssen Alarm schlagen, wenn sie Zeugen von Antisemitismus werden.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum ausgerechnet das Wort „Israelkritik“ im Duden steht? Die Worte „Russland-“ oder „Thailandkritik“ suchen Sie vergeblich.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum ausgerechnet das Wort „Israelkritik“ im Duden steht? Die Worte „Russland-“ oder „Thailandkritik“ suchen Sie vergeblich. Für Israel gelten immer ganz besonders strenge Maßstäbe, die sonst auf kein anderes Land angewandt werden. Es beginnt mit einer vermeintlichen „Israelkritik“, die den jüdischen Staat dämonisiert. Das wiederum führt dann zu Boykotten, die bewusst an das „Kauft nicht bei Juden“ der Nazis erinnern. Voilà, schon haben Sie den Nährboden für Gewalttaten. Steter Tropfen höhlt den Stein, tropf, tropf, tropf, so wird Israel delegitimiert.

Herr Botschafter, die israelische Botschaft ist eines der meist gesichertsten Gebäude in Berlin – das Tragen der Kippa in der Öffentlichkeit ein Risiko. Fühlen Sie sich sicher und vor allem, fühlen Sie sich frei in Deutschland?

Ron Prosor: Es geht nicht um die Botschaft. Die Frage ist doch, ob Sie in einer Gesellschaft leben möchten, in der vor einer jüdischen Schule immer ein Polizeiauto stehen muss? In Berlin wurde in den ersten Stunden des Jahres das Denkmal „Züge in das Leben – Züge in den Tod“ beschmiert. Dieser schändliche Akt entehrt die Erinnerung an den Holocaust.

Es ist an der Zeit, schnell und entschlossen zu handeln, um die deutschen Bürger vor ähnlichen Angriffen auf ihre demokratischen Werte zu schützen. Alles andere ist inakzeptabel!

Das ist das wahre Gesicht des muslimischen Antisemitismus. Die Leute, die das getan haben, dämonisieren und delegitimieren die Erinnerung an den Holocaust. Möchten Sie in einer Gesellschaft leben, in der das schulterzuckend als „normal“ hingenommen wird? Es ist an der Zeit, schnell und entschlossen zu handeln, um die deutschen Bürger vor ähnlichen Angriffen auf ihre demokratischen Werte zu schützen. Alles andere ist inakzeptabel.

Bundeskanzler Scholz sagte, Deutschlands Platz könne nur an der Seite Israels sein. Wie blicken die Israelis in Kriegszeiten auf Deutschland und die Solidaritätsbekundungen?

Ron Prosor: Auf der politischen Ebene sind wir sehr, sehr froh, dass Deutschland so eng an unserer Seite steht und sich klar zu unserem Recht auf Selbstverteidigung bekennt. Aus keinem anderen Land sind seit Beginn des Krieges mehr politische Repräsentanten zu uns gekommen: der Bundespräsident, der Bundeskanzler, die Außenministerin, der Verteidigungsminister…. Auch aus der Zivilgesellschaft gibt es Unterstützung – aber schon merklich weniger.

Wenn die Deutschen über ihre Grenze schauen, sehen sie glückliche dänische Kühe – wir den syrischen Bürgerkrieg und Raketen der libanesischen Hizbollah.

Ich wünschte, die Deutschen würden verstehen, dass unsere beiden Länder mehr gemeinsam haben, als sie denken. Wenn die Deutschen über ihre Grenze schauen, sehen sie glückliche dänische Kühe. Wenn wir über unsere Grenzen schauen, sehen wir den syrischen Bürgerkrieg und Raketen der libanesischen Hizbollah. Mein Wunsch ist: Leute, bindet das in eure Gedanken ein, wenn ihr uns mit eurem erhobenen Zeigefinger aus 3.000 Kilometern Entfernung winkt!

Vielen Dank für das Interview Herr Botschafter!

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