• 21. März 2018

Michael Bröcker, Chefredakteur der Rheinischen Post

„Der freie Journalismus ist das Elixier für das Fortbestehen einer Demokratie!“

Michael Bröcker, Chefredakteur der Rheinischen Post

Michael Bröcker, Chefredakteur der Rheinischen Post 150 150 Sven Lilienström

Der freie Journalismus ist das Elixier für das Fortbestehen einer Demokratie!

Michael Bröcker (40) ist seit 2014 Chefredakteur der Rheinischen Post in Düsseldorf. Zuvor leitete der gebürtige Münsteraner die Parlamentsredaktion der Rheinischen Post in Berlin. Bröcker ist Autor der Biographie über den ehemaligen FDP-Bundesvorsitzenden und Vizekanzler Philipp Rösler und engagiert sich im Kuratorium der Internationalen Journalistenprogramme. Sven Lilienström, Gründer der Initiative Gesichter der Demokratie, sprach mit dem RP-Chefredakteur über Demokratie, freien Journalismus und „Diversity Management“.

Michael Bröcker, Chefredakteur der Rheinischen Post

Michael Bröcker, Chefredakteur der Rheinischen Post | © Andreas Endermann

Herr Bröcker, welchen Stellenwert haben Demokratie und demokratische Werte für Sie ganz persönlich?

Michael Bröcker: Sie sind das Fundament meiner Arbeit und der Rahmen für das private Glück, in einer freiheitlichen Gesellschaft zu leben, in der Mitwirkung für jeden möglich ist. Der freie Journalismus ist das Elixier für das Fortbestehen einer Demokratie. Die Freiheit stirbt immer scheibchenweise, das haben wir in vielen Ländern erlebt. Ein wachsamer, unabhängiger, fairer und akkurater Journalismus ist das beste Medikament gegen dieses schleichende Gift.

Kurz nach der Freilassung von Deniz Yücel schrieben Sie: „Yücel ist frei, aber die Türkei noch lange nicht“. Sind Demokratie und Rechtsstaatlichkeit unter Präsident Erdogan eine Illusion des Westens?

Michael Bröcker. Ja. Präsident Erdogan ist auf einem stramm nationalistischen, autoritären Kurs. Von einer Demokratie mit einer unabhängigen Justiz, Rechten für Minderheiten und Berufsgruppen, kann seit dem Putschversuch nicht mehr die Rede sein.

Laut dem ehemaligen Nato-Botschafter der USA befindet sich die US-Demokratie in einer tieferen Krise als zu Zeiten des Watergate-Skandals. Ist Amerika stark genug für drei weitere Jahre Donald Trump?

Michael Bröcker: Ja. Die Vereinigten Staaten werden auch Donald Trump überleben. Das zutiefst freiheitliche und demokratische Verständnis der Bevölkerung und ihre Weltoffenheit werden sich auch nicht durch einen Präsidenten lahmlegen lassen, der auf Nationalismus, Hass gegen Minderheiten und Migranten setzt.

Die Vereinigten Staaten werden auch Donald Trump überleben!

Zudem hegt das System der „Checks and Balances“ die Macht des Präsidenten ein, wie zahlreiche personelle und strukturelle Initiativen von Donald Trump zeigen, die im Kongress hängen geblieben sind.

Sigmar Gabriel vermisst „Berechenbarkeit und Verlässlichkeit“ im transatlantischen Verhältnis. Überdies hinaus stellten China und Russland die liberale, westliche Ordnung infrage. Müssen wir uns Sorgen machen?

Michael Bröcker: Sigmar Gabriel war selbst nicht immer das Musterbeispiel für Berechenbarkeit und Verlässlichkeit. Aber mal abgesehen davon: Das transatlantische Verhältnis hat ein breites gesellschaftlich verankertes Fundament, das von gemeinsamen Werten und gemeinsamen Erfahrungen geprägt ist – es wird überdauern.

Die Bedrohung für die USA ist China, nicht die EU.

Gerade weil Russland und China ihren eigenen nationalistischen und autoritär geprägten Weg gehen, muss die Antwort eine stärkere Einheit zwischen den USA und Europa sein. Wer weiß, ob die aktuellen Handelsstreitigkeiten nicht am Ende sogar zu einem neuen Handelsabkommen führen? Die Bedrohung für die USA ist China, nicht die EU.

Stichwort „Europäisches Leistungsschutzrecht“: In Zeiten von Fake News und Hate Speech ist differenzierter Qualitätsjournalismus im Internet wichtiger als jemals zuvor – aber auch noch wirtschaftlich?

Michael Bröcker: Das wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Sicher ist, dass immer mehr Verlage – auch wir – darauf setzen, dass Journalismus auch im Netz ein Preisschild bekommen muss.

Es wird eine Renaissance für guten Journalismus geben.

Der Wert von freiem und unabhängigem Journalismus wird steigen, je mehr Menschen erleben, dass „Fake News“ oder staatlich gesteuerte Cyberpropaganda (siehe Russland) die Meinungsdebatten im Netz prägen. Es wird eine Renaissance für guten Journalismus geben.

In Ihrem Podcast haben Sie das Thema „Diversity Management“ angesprochen und – bedingt durch die homogene Zusammensetzung Ihrer Redaktion – eine eingeschränkte Themenvielfalt beklagt. Wie ist der Status quo?

Michael Bröcker: Noch nicht ausreichend. Wir brauchen noch mehr Frauen in Führungspositionen, aber vor allem auch mehr Redakteure mit Migrationshintergrund. Und wir brauchen junge Journalisten mit unterschiedlichem Ausbildungshintergrund, technikaffine Nerds genauso wie sprachgewandte Historiker. Wir haben gerade einen früheren Koch als Journalistenschüler eingestellt. Er bringt eine neue Sichtweise und tolle Themen ein.

Herr Bröcker, welche beruflichen und privaten Ziele haben Sie sich für die kommenden fünf Jahre gesetzt?

Michael Bröcker: Keine. Es kommt eh, wie es kommt. Ich freue mich, wenn ich weiterhin Journalismus machen kann. Es ist ein Privileg, sich täglich neue Themen erarbeiten und spannende Menschen kennenlernen zu dürfen.

Vielen Dank für das Interview Herr Bröcker!

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