• 18. Mai 2018

Dr. Ulf Poschardt, Chefredakteur WELT

„Demokratie lebt von der Spannung - ja der Anspannung!“

Dr. Ulf Poschardt, Chefredakteur WELT

Dr. Ulf Poschardt, Chefredakteur WELT 150 150 Sven Lilienström

„Demokratie lebt von der Spannung – ja der Anspannung!“

Dr. Ulf Poschardt (51) ist seit September 2016 Chefredakteur der WELT. Von 2015 bis 2016 war der gebürtige Nürnberger Stellvertreter des Chefredakteurs von WeltN24 und zuvor Stellvertretender Chefredakteur der WELT-Gruppe sowie der WELT AM SONNTAG. Vor seinem Wechsel zur Axel Springer SE leitete Poschardt das Magazin der Süddeutschen Zeitung und die deutsche Ausgabe von Vanity Fair. Sven Lilienström, Gründer der Initiative Gesichter der Demokratie, sprach mit dem WeltN24-Chefredakteur über Demokratie, Deniz Yücel und die Herausforderungen der „klassischen“ Medien.

WELT-Chefredakteur Dr. Ulf Poschardt | © Claudius Pflug

WELT-Chefredakteur Dr. Ulf Poschardt | © Claudius Pflug

Herr Dr. Poschardt, das Vertrauen in die Demokratie schwindet, Populisten gewinnen zunehmend an Unterstützung. Welchen Stellenwert haben Demokratie und demokratische Werte für Sie ganz persönlich?

Dr. Ulf Poschardt: Demokratie lebt von der Spannung – ja der Anspannung. Die Wahlbeteiligung in Deutschland steigt, Populisten wie die AfD beleben die demokratische Kultur.

Die AfD zigtausende von Wählern aus dem parlamentarischen Off zurück an die Wahlurnen getrieben!

Auch wenn es kaum jemand hören will, hat die AfD zigtausende von Wählern aus dem parlamentarischen Off zurück an die Wahlurnen getrieben. Vielen Demokratiefreunden ist diese Ausweitung der politischen Zone nicht recht. Ich denke, das ist falsch. Demokratie lebt von einer offenen Gesprächsbereitschaft und die anderen Parteien müssen sich den einfachen Antworten und wachstumsgefährdenden Nationalismen der AfD-Programmatik stellen.

Der WELT-Korrespondent Deniz Yücel ist nach einem Jahr aus der türkischen Untersuchungshaft entlassen worden. Wie haben Sie von der Freilassung Ihres Kollegen erfahren? Wie war Ihre erste Reaktion?

Dr. Ulf Poschardt: Mein Kollege Daniel Dylan Böhmer: Der Anwalt von Deniz, Veysel Ok rief mich an und teilte mir mit, dass Deniz freikommt.

Ich war unendlich erleichtert!

Da hielt sich Deniz aber noch innerhalb des Gefängnisses auf. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu hatte bereits an den Tagen zuvor Andeutungen gemacht, dass Yücels Prozess beschleunigt werden sollte. Unsere Hoffnung war an diesen Tagen größer denn je. Ich war unendlich erleichtert.

Heutzutage scheint eine polarisierende Headline bereits ausreichend, um Stürme der Entrüstung in den sozialen Netzwerken loszutreten. Sind wir auf dem Weg in eine „digitale Empörungsdemokratie“?

Dr. Ulf Poschardt: Die Menschen waren früher schon empört, allerdings am Stammtisch oder abends im Gespräch mit der Familie. Mit den sozialen Netzwerken kann jeder Bürger seine Meinung frei und öffentlich äußern. Das ist gut.

Der Respekt vor Journalisten erodiert, der Druck auf freie Medien nimmt zu.

Wir bekommen dadurch direktes Feedback – gutes wie kritisches. Schwierig wird es, wenn statt Feedback nur Genörgel kommt. Der Respekt vor Journalisten erodiert, der Druck auf freie Medien nimmt zu. Jeder Fehler ist einer zu viel. Der extremistische Rand der Gesellschaft pöbelt in sozialen Netzwerken gegen Medien im Großen und Ganzen und wird von Radikalen wie Alexander Gauland (rechts) und Oskar Lafontaine (links) angefeuert.

Liest man die Kommentare bei WELT.de, so scheinen die Leser aus dem rechtskonservativen Spektrum deutlich „kommentarfreudiger“ als Ihre übrige Leserschaft. Stimmen Sie zu, oder täuscht dieser Eindruck?

Dr. Ulf Poschardt: Zu allererst eine Anmerkung: Wir bekommen täglich bis zu 20.000 Kommentare auf welt.de – wie Sie sich denken können, sind viele unpolitisch, denn wir decken ein sehr breites Themenspektrum ab. Die Vielfalt gilt auch für die Politik, wo wir von Links- bis Rechtsliberal in der Berichterstattung und Kommentierung alles abdecken wollen und den Diskurs pflegen. Das zeigt sich dann auch in den Leserkommentaren: die Linken sind kommentierfreudiger, wenn Konservative reden – und andersrum. Beide Seiten sind aktiv, wenn das Thema relevant ist. Und das ist auch richtig so.

„Die Welt steht an einem gefährlichen Abgrund“ – Außenminister Sigmar Gabriel bemängelt unter anderem die fehlende Verlässlichkeit der US-Regierung. Ist die Welt stark genug für drei weitere Jahre Donald Trump?

Dr. Ulf Poschardt: Die Provokationen von Trump und Theresa May sollten ernst genommen und in eine kämpferische Haltung übersetzt werden.

Der Wettbewerb wird härter und kompromissloser werden und wir Deutsche müssen weniger verträumt, sondern machtbewusst unsere Interessen verfolgen.

Der Wettbewerb wird härter und kompromissloser werden und wir Deutsche müssen weniger verträumt, sondern machtbewusst unsere Interessen verfolgen. Wenn die Deutschen diesen Konflikt aushalten und sogar Punkte machen, verteidigen sie damit auch die Segnungen einer liberalen, offenen Gesellschaft.

Präsident Donald Trump bezeichnete renommierte US-Medien wie die New York Times, die Washington Post oder CNN mehrfach als „Fake News“. Wie gefährlich ist diese Entwicklung in den USA?

Dr. Ulf Poschardt: Die klassischen Medien sind weltweit herausgefordert. Die großen Zeitungshäuser der „New York Times“ und der „Washington Post“ profitieren von den Anfeindungen aus dem Weißen Haus. Sie gewinnen Tausende von Abonnenten. Dennoch erreichen sie weite Teile der amerikanischen Gesellschaft nicht mehr, die dem Präsidenten vertrauen und nicht den Medien.

Journalisten müssen hart und unerschrocken recherchieren und damit das Vertrauen zurückgewinnen.

Ein Präsident, der eine tief sitzende Abneigung für die vierte Gewalt hat, sodass er Interviews abbricht, wenn ihm eine Frage nicht passt, ist gefährlich. Es gilt mal wieder, dass die Medien ihrer Aufgabe, die Öffentlichkeit zu informieren und kritisch nachzuforschen besser denn je nachkommen müssen. Journalisten müssen hart und unerschrocken recherchieren und damit das Vertrauen zurückgewinnen.

Herr Dr. Poschardt, Sie sind leidenschaftlicher Sportwagenfan und fahren selbst einen Porsche 911. Was fasziniert Sie an schnellen Autos und was machen Sie ansonsten gerne in Ihrer Freizeit?

Dr. Ulf Poschardt: Für mich ist der Sportwagen ein ebenso exotisches wie signifikantes Symbol für den Zustand unserer Welt: Er ist schnell, gefährlich, wird verehrt und gleichzeitig weiß jeder, dass das Rasen krankmachen kann.

Wir lieben an unserer Zivilisation gerade das, was uns möglicherweise zerstört!

Wir lieben an unserer Zivilisation gerade das, was uns möglicherweise zerstört. Ansonsten verbringe ich möglichst viel Zeit mit meiner Familie.

Vielen Dank für das Interview Herr Dr. Poschardt!

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Rektorin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
„Die Universität kann die Grundlage dafür schaffen, dass die Menschen, mit denen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sprechen, sich aufgrund gesicherter Erkenntnisse ihre eigene Meinung bilden können und eben nicht auf Populisten hören müssen, die völlig faktenfrei irgendwelche Tatsachen behaupten!“
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