• 15. Juni 2020

Bischof Dr. Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

„Auch die katholische Kirche kennt in vielen Bereichen demokratische Strukturen!“

Bischof Dr. Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

Bischof Dr. Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz 150 150 Sven Lilienström

„Auch die katholische Kirche kennt in vielen Bereichen demokratische Strukturen!“

Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) ist ein Zusammenschluss der römisch-katholischen Bischöfe aller 27 Bistümer und Erzbistümer in Deutschland. Derzeit gehören ihr 69 Mitglieder an. Seit März 2020 ist Bischof Dr. Georg Bätzing, Bischof von Limburg, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Sven Lilienström, Gründer der Initiative Gesichter der Demokratie, sprach mit dem 59-jährigen gebürtigen Rheinland-Pfälzer über Demokratie, den Synodalen Weg und die Mitschuld deutscher Bischöfe am Zweiten Weltkrieg.

Bischof Dr. Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz | © Bistum Limburg

Bischof Dr. Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz | © Bistum Limburg

Herr Bischof, als neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz möchten wir Sie zuallererst fragen: Welchen Stellenwert haben Demokratie und demokratische Werte für Sie ganz persönlich?

Georg Bätzing: Für mich bedeutet Demokratie, dass jeder Einzelne über grundlegende Freiheiten und Rechte verfügt und seinen Teil zu einem gelungenen Zusammenleben im Staat beitragen kann. Es geht um die Idee von Gleichheit und Gerechtigkeit. Dass wir in einer Demokratie leben können, ist für mich eine große Errungenschaft, für die unsere Vorfahren hart kämpfen mussten, übrigens teils in konkreter Auseinandersetzung mit dem Christentum.

Wir sind heute der festen Überzeugung, dass wir unbedingt das Vertrauen in die Demokratie stärken müssen!

Die Kirche hat sich aber weiterentwickelt und wir sind heute der festen Überzeugung, dass wir unbedingt das Vertrauen in die Demokratie stärken und sie mit Leben füllen müssen. Ich selber arbeite als Bürger, aber auch als Bischof der katholischen Kirche, daran mit.

Die katholische Kirche selbst ist keine Demokratie; Entscheidungen treffen die Bischöfe. Dennoch haben die Kirchen großes Interesse daran, dass die Demokratie als Regierungsform funktioniert. Warum?

Georg Bätzing: Auch die katholische Kirche kennt in vielen Bereichen demokratische Strukturen. Als politische Ordnung garantiert die Demokratie – in Verbindung mit Rechtsstaatlichkeit – die Beteiligung aller Bürger an den politischen Entscheidungen.

Die Demokratie ist diejenige Regierungsform, die mit dem christlichen Menschenbild am besten vereinbar ist.

Somit ist die Demokratie diejenige Regierungsform, die mit dem christlichen Menschenbild am besten vereinbar ist, wonach der Mensch Abbild Gottes ist und als Person die Möglichkeit haben soll, ein Leben in Freiheit und Verantwortung zu führen.

Corona und Demokratie: Wie erleben Sie die Reaktionen der Menschen auf die – obgleich temporären – Einschränkungen ihrer Grund- und Freiheitsrechte? Gefährdet das Virus unsere liberale Demokratie?

Georg Bätzing: Die zeitweisen Einschränkungen von Grund- und Freiheitsrechten aus gesundheitlichen Gründen waren, soweit ich das beurteilen kann, dringend erforderlich und insofern angemessen und richtig. Darin kann ich keine Gefahr für unsere Demokratie erkennen. Gleichzeitig gehört es zu den Grundlagen von Demokratie, dass alle Menschen am Wohlstand teilhaben und die Möglichkeit haben, gut zu leben, am besten von ihrer eigener Hände Arbeit.

Es muss uns gelingen, als Gesellschaft zusammenzuhalten und auch in der Krise die Teilhabe aller sicherzustellen.

Wo diese Grundvoraussetzungen nun in der Wirtschaftskrise bedroht sind, könnte das Virus unsere liberale Demokratie im Letzten schon gefährden. Es muss uns also gelingen, als Gesellschaft zusammenzuhalten und auch in der Krise die Teilhabe aller sicherzustellen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete die Corona-Krise als „die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg“. Wie kann die Kirche bei der Bewältigung der Krise und deren sozialen Folgen helfen?

Georg Bätzing: In der Krise sind viele Menschen mit existentiellen Fragen wie Einsamkeit und Angst, Trauer und Leid konfrontiert. Bei diesen spirituellen Grundfragen unseres Daseins ist die Kirche mit ihrer frohen Botschaft und den vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Beratung und Seelsorge natürlich den Menschen nahe.

Wir sind auch in dieser Krisenzeit immer wieder die Stimme, wenn wir grundlegende christliche Werte gefährdet sehen.

Aber wir helfen auch auf ganz handfeste Art und Weise. Mit unserem caritativen Engagement stehen wir besonders den Menschen in Not bei, etwa den Obdachlosen, den Kranken, Menschen mit Behinderungen oder den Armen. Und nicht zuletzt erheben wir auch in dieser Krisenzeit immer wieder die Stimme, wenn wir grundlegende christliche Werte wie Solidarität und Nächstenliebe, oder eben die Demokratie, gefährdet sehen.

Mitunter durch die Corona-Krise bedingt, ist der Reformdialog – der „Synodale Weg“ – ins Stocken geraten. Wie sieht der Fahrplan unter Ihrer Leitung aus? Welche Veränderungen braucht die katholische Kirche?

Georg Bätzing: Wir sind dankbar für das vielfältige Engagement in unseren Gemeinden, Verbänden, auf der diözesanen und bundesweiten Ebene – gerade jetzt in Corona-Zeiten. Als Ortskirche in Deutschland haben wir vor einem Jahr den Synodalen Weg beschlossen, zu dem wir aufgebrochen sind – Bischöfe, Priester und Laien.

Die zweite Synodalversammlung kann – wegen Corona – jetzt erst im Februar 2021 stattfinden.

Wir wollen fragen und suchen, was Gott uns in dieser Zeit zu sagen hat, wie wir unsere Kirche menschennah und lebensdienlich gestalten. Viele Themen drängen, auch in anderen Ländern. Die zweite Synodalversammlung kann – wegen Corona – jetzt erst im Februar 2021 stattfinden. Aber auf fünf Regionalkonferenzen – „Fünf Orte – ein Weg“ – werden wir uns des Weges vergewissern.

Erst kürzlich haben deutsche Bischöfe eine Mitschuld am Zweiten Weltkrieg eingeräumt – gleichwohl gebe es eine „Bekenntnislücke“. Warum tut sich die Kirche bei der Aufarbeitung dieses Kapitels so schwer?

Georg Bätzing: Das Wort „Bekenntnislücke“ habe ich im Zusammenhang mit der Diskussion über die Haltung der damaligen Bischöfe zum Zweiten Weltkrieg verwendet. Ich hoffe, dass es bezüglich dieser historischen Phase nunmehr keine Erkenntnis- oder Bekenntnislücken mehr gibt – obwohl die Forschung weitergeht und die historische Reflexion ein unabschließbarer Prozess ist.

Natürlich fällt es den heutigen Bischöfen nicht leicht, sich kritisch zum Verhalten der Vorgänger zu äußern!

Natürlich fällt es den heutigen Bischöfen nicht leicht, sich kritisch zum Verhalten der Vorgänger zu äußern. Diese mussten unter extrem schwierigen Bedingungen ihren Weg finden. Besserwisserei im Abstand von Jahrzehnten wäre für uns Heutige da sicher keine angemessene Haltung. Aber eine ehrliche, abwägende und auch kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist uns um der Zukunft willen abverlangt. Genau darum bemühen wir uns.

Herr Bischof, unsere letzte Frage ist immer eine persönliche: Was haben Sie sich für die sechsjährige Amtszeit als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz vorgenommen – beruflich und privat?

Georg Bätzing: Ich möchte zuhören und Brücken bauen – in der Bischofskonferenz, aber auch von der Bischofskonferenz in die Bistümer hinein, hin zu den Menschen. Mit den Gläubigen will ich fragen und versuchen Antworten zu geben, was Gott heute von uns will. Das ist in einer säkularisierten Umwelt, in der die Kirche in Frage gestellt wird, nicht einfach. Aber ich lasse mich nicht entmutigen. Und privat – wünsche ich mir so viel Zeit, dass ich Gott jeden Tag neu begegne und davon anderen erzählen kann.

Vielen Dank für das Interview Herr Bischof!

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