• 17. Juni 2020

Tom Buhrow, Vorsitzender der ARD

„Ohne Freiheit ist alles nichts!“

Tom Buhrow, Vorsitzender der ARD

Tom Buhrow, Vorsitzender der ARD 150 150 Sven Lilienström

„Ohne Freiheit ist alles nichts!“

Die 1950 gegründete „Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland“ – kurz ARD – besteht aus neun selbstständigen, staatsunabhängigen Landesrundfunkanstalten sowie der Auslandsrundfunkanstalt Deutsche Welle. Seit Januar 2020 führt der Journalist und amtierende WDR-Intendant Tom Buhrow (61) als neuer Vorsitzender die Geschäfte der ARD. Sven Lilienström, Gründer der Initiative Gesichter der Demokratie, sprach mit dem gebürtigen Troisdorfer über demokratische Werte, die Verpflichtung der öffentlich-rechtlichen Medien in Zeiten der Corona-Krise und die Zukunft des Journalismus in Deutschland.

Tom Buhrow, Vorsitzender der ARD | © WDR/Annika Fußwinkel

Tom Buhrow, Vorsitzender der ARD | © WDR/Annika Fußwinkel

Herr Buhrow, als leidenschaftlichen Journalisten mit mehr als 40 Jahren Berufserfahrung möchten wir auch Sie fragen: Welchen Stellenwert haben Demokratie und demokratische Werte für Sie ganz persönlich?

Tom Buhrow: Demokratie und demokratische Werte haben für mich persönlich einen sehr zentralen Stellenwert.

Ohne Freiheit ist alles nichts!

Ohne Freiheit ist alles nichts. Und das bedeutet auch, dass es nicht darauf ankommt mit seiner eigenen Meinung Recht zu behalten, sondern vielmehr die Vielfalt der Meinungen zu respektieren.

In Krisenzeiten sehnen sich die Menschen nach Orientierung und verlässlichen Informationen. Erleben die öffentlich-rechtlichen Medien durch die Corona-Pandemie eine „Renaissance“? Was können die Medien aus der Krise lernen?

Tom Buhrow: In Deutschland und auf der gesamten Welt steigt das Bedürfnis sich schnell und verlässlich durch einen vertrauten medialen Begleiter zu informieren. Auch deshalb übernehmen öffentlich-rechtliche Medien in diesen Zeiten eine besonders wichtige Funktion der Versorgung und Verbindung. Wir begleiten die Menschen in dieser schweren Zeit. Wir bringen die Angebote direkt in ihre Wohnzimmer. Es freut uns, dass sich die Menschen durch uns gut versorgt und informiert fühlen. Wir nehmen das auch als Verpflichtung.

Im Ersten Quartal 2020 schalteten täglich über 12 Millionen Menschen die Tagesschau ein.

In diesen Ereignislagen ist die Tagesschau eine wichtige Informationsquelle: Im Ersten Quartal 2020 schalteten täglich über 12 Millionen Menschen die Tagesschau ein. Hinzu kommen viele weitere Nutzerinnen und Nutzer, die die Tagesschau online über Apps und Mediatheken abrufen. Darüber hinaus fragen viele Sondersendungen wie „ARD extra“ oder auch Politiksendungen extrem nach. Das zeigt, wie groß der Informationshunger ist. Was mich besonders freut: Wir sind auch für die Jüngeren ein wichtiger Begleiter während der Krise. Wir tun unser Bestes sie grundsätzlich für uns zu begeistern – zum Beispiel indem wir ihnen unsere Mediathek nahebringen.

Bezogen auf die Corona-Pandemie sagten Sie: „Wir sehen eine Verpflichtung, den Menschen in dieser Ausnahmesituation zur Seite zu stehen.“ Inwieweit haben die öffentlich-rechtlichen Medien ihr Programm angepasst?

Tom Buhrow: Wir haben die Angebote rund um Corona zum Beispiel am Vormittag ausgeweitet und auf die aktuelle Situation angepasst.

In Zeiten, in denen Kitas und Schulen geschlossen sind, hat die ARD ihr Bildungsangebot fortlaufend erweitert.

In Zeiten, in denen Kitas und Schulen geschlossen sind, hat die ARD ihr Bildungsangebot für Kleinkinder sowie Schülerinnen und Schüler fortlaufend erweitert, um die Zeit zu Hause vor den Bildschirmen und an den Kopfhörern möglichst sinnvoll zu nutzen. Oder nehmen Sie die Kultur: Gerade, wenn Kinos geschlossen sind, Konzerte ausfallen und Publikumsveranstaltungen nicht stattfinden, machen wir den Menschen alternative Angebote von der „Kulturambulanz“ bis hin zu digitalen Konzerten auf „Arte Concert“.

Mit speziellen Service- und Ratgeberformaten bietet die ARD darüber hinaus aktuelle Unterstützung und praktische Hilfe diese Zeit gut zu überstehen. Wir sind für die Menschen da. Wir sind für sie alle da.

Journalismus soll die Wirklichkeit objektiv abbilden. Augenscheinlich fällt es jedoch vielen Menschen schwer – insbesondere in den sozialen Netzwerken – zwischen Meinung und Nachricht zu unterscheiden. Was tun?

Tom Buhrow: Im Journalismus gelten – unabhängig von Ausspielwegen – klare Regeln für Nachrichten und Kommentare. Ein Kommentar gibt eine persönliche Meinung und eine individuelle Sicht auf ein Thema wieder und er ist als solcher gekennzeichnet. Im Netz verschwimmen diese Grenzen oft.

Wichtig ist, dass wir die nachrichtlichen Angebote der ARD möglichst klar und eindeutig kennzeichnen!

Da ist es oft für Userinnen und User schwer, den Überblick zu behalten. Auch deshalb ist es wichtig, dass wir die nachrichtlichen Angebote der ARD möglichst klar und eindeutig kennzeichnen. Mit einem klaren Absender. Denn so können die Menschen einordnen und wissen, das sind Nachrichten von einer unabhängigen Quelle.

Zunehmend werden auch in Deutschland Journalistinnen und Journalisten bedroht. Erleben wir ein Erodieren unserer Wertebasis und brauchen wir eine neue „Respekt-Kultur“ – auch im Umgang mit den Medien?

Tom Buhrow: Wir haben den Anspruch, in unseren Programmen wahrhaftig und fair zu sein. Alle Seiten zu Wort kommen zu lassen. Mit verlässlichen Informationen befähigen wir die Menschen, sich eine Meinung zu bilden und an den Debatten in unserer Gemeinschaft teilzuhaben.

Wenn Journalistinnen und Journalisten wegen dieser wichtigen Arbeit bedroht werden, dann sind Grenzen überschritten.

Das muss nicht immer allen gefallen, das ist klar. Wenn aber Journalistinnen und Journalisten wegen dieser wichtigen Arbeit bedroht werden, dann sind Grenzen überschritten.

Journalismus im Wandel: Zwischen „Clickbait“ und sorgfältig kuratiertem Inhalt. Wie geht es der Medienbranche heute und was wünschen Sie sich ganz konkret für die Zukunft des Journalismus in Deutschland?

Tom Buhrow: Es ist stürmischer geworden.

Das Klima in unserem Land ist gereizter und rauer geworden!

Das Klima in unserem Land ist gereizter und rauer geworden. Sie merken das, wenn Sie die Themen in der Tagesschau sehen, wenn Sie die Kommentarspalten in sozialen Netzwerken lesen, aber auch morgens beim Bäcker oder im Straßenverkehr. Auseinandersetzungen werden scharf geführt, Werte wie Respekt, Miteinander, Fairness und Wahrhaftigkeit sind ins Wanken geraten.

Jetzt muss sich der unabhängige und kritische Journalismus in Deutschland beweisen.

Jetzt muss sich der unabhängige und kritische Journalismus in Deutschland beweisen. Ich wünsche mir eine offene, von Respekt geprägte, differenzierte und auf Fakten basierende öffentliche Debatte. Gegensätzliche Positionen können, müssen mit Leidenschaft ausgetauscht und medial begleitet werden, aber das Ziel sollte immer ein besseres Miteinander sein.

Herr Buhrow, seit Jahresbeginn sind Sie Vorsitzender der ARD. Wie hat sich Ihr Alltag, auch bedingt durch die Corona-Krise, verändert und was haben Sie sich für das Jahr 2020 vorgenommen – beruflich und privat?

Tom Buhrow: Den größten Teil des Tages bin ich mit unseren ARD-Zielen beschäftigt: zu helfen, dass wir in den nächsten Jahren mit dem Rückhalt der Menschen in Deutschland weiter in der Lage sind, gutes Programm für alle zu machen. Dazwischen ist es wichtig, einfach mal Luft zu holen.

Vielen Dank für das Interview Herr Buhrow!

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